Landesschülervertretung Wien

Deine gesetzlich verankerte überschulische Vertretung

Interview mit Alexander van der Bellen

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Es wird oft davon gesprochen, dass die Jugend in diesem Wahlkampf mehr Interesse zeigt. Empfinden Sie das auch so?

Ich habe das auf jeden Fall auch so empfunden. Soweit ich das empfunden habe hat sich das auch im Laufe des Wahlkampfs entwickelt. Besonders zwischen der April und der Mai Wahl habe ich einen Anstieg im Interesse bemerkt und dieses Interesse hält bis heute an. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir den Wahlkampfauftakt aufgrund der Wahlverschiebung vertagen mussten und wir hier im Wahlkampfbüro von einer Schülergruppe besucht worden sind. An dieser Gruppe war allerdings besonders, dass sie alle noch nicht 16 waren und daher noch nicht wählen gehen durften. Und diese Jugendlichen haben sich gefreut, dass die Wahl verschoben wurde, weil sie die neu gewonnene Zeit dazu nützen können um bei ihren Wahlberechtigen Freunden zu werben und das Interesse an Politik zu entfachen. Das ist echtes Engagement, das mich auch wirklich berührt hat und auf jeden Fall positiv in meiner Erinnerung bleiben wird.

Inwiefern spielen Soziale Medien bei diesem gestiegenen Interesse eine Rolle?

Ja auch jeden Fall. Hier kann man ausnahmsweise etwas Positives über soziale Medien berichten. Die Gruppe die ich zum Beispiel gerade angesprochen habe, hat beinahe ausschließlich über Soziale Medien kommuniziert. Da gibt es Möglichkeiten um Veranstaltungen zu planen oder Gruppen zu gründen, von denen wir früher nur träumen konnten.

Es lässt sich aber dennoch nicht leugnen, dass unter Jugendlichen weniger Interesse am Politikgeschehen gezeigt wird, als vom Rest der Bevölkerung. Woran liegt das und was könnte man tun um hier entgegenzuwirken?

Das liest man regelmäßig in der Zeitung aber ich frage mich immer ob das wirklich stimmt. Man muss zunächst einmal klar definieren, was politisches Interesse“ eigentlich ist. Heißt das, man muss sich aktiv in einer Partei einbringen oder reicht es im Gasthaus mit Freunden über Politik resümiert. Aber es ist natürlich nachvollziehbar, wenn Jugendliche andere Sorgen im Kopf haben. Um ehrlich zu sein: Ich hatte mit 15 auch Politik nicht ganz vorne auf meiner Interessensskala. 

Diese Wahl zieht sich ja jetzt schon eine Weile dahin. Glauben Sie, dass sich das auf die Wahlbeteiligung auswirken wird? Im positiven oder im negativen Sinne?

Ich glaube positiv. Zumindest bei meiner Wählerschaft merke ich täglich wie groß die Motivation ist. Wir haben schon einmal gewonnen und viele haben nicht ganz verstanden, oder zumindest nicht nachvollziehen können, warum es jetzt eine Neuwahl gibt. Ich sage ganz bewusst Neuwahl, weil man bei dieser langen Zeitspanne kaum noch von einer Wahlwiederholung reden kann. Dementsprechend bin ich überzeugt, dass auch dieses Mal wieder viele Bürgerinnen und Bürger ihr Wahlrecht wahrnehmen werden.

Mit diesem Interview versuchen wir ja gezielt junge Leute zu erreichen und stoßen so vielleicht auch auf Leser, die sich noch nicht sehr genau mit der Wahl befasst haben. Würden Sie kurz zusammenfassen was Sie von Ihrem Konkurrenten inhaltlich am meisten unterscheidet

Eine der wichtigsten Punkte ist die Einstellung zu Europa und der EU. Öxit - ja oder nein? Oder zumindest Vorstufen. Ich bin hier klar für Nein, Hofer zumindest tendenziell für Ja. Damit zusammenhängend haben mich auch nach der Wahl viele erleichterte Anrufe aus der ganzen EU erreicht. Man war natürlich erleichtert, dass hier nicht eine Art Domino Effekt von Österreich losgetreten wird und somit eine Welle der Rückentwicklung der Integration in Europa. Außerdem muss man sagen, dass das Trio- Strache, Hofer, Kickl- zumindest bis zum Sommer klar gesagt, sie sehen im Amt des Bundespräsidenten eine Möglichkeit eine blaue Republik Österreich zu errichten. 

Gibt es sonst noch Unterschiede die der Wähler auf jeden Fall in Betracht ziehen sollte?

Also abgesehen von dem Überparteilichen gegen das Tiefblaue sollte man auf jeden Fall den Stil des Wahlkampfes in seine Überlegungen miteinbeziehen. Der Stil von Herrn Hofer ist ja sehr eindeutig die Schiene der FPÖ. Ich bin selten einem Politiker begegne, der so aktiv versucht ein Gespräch zu zerstören. Auch in den Fernsehdebatten ist ja von Diskussionskultur kaum noch zu reden und dementsprechend schwierig ist es ein konstruktives Gespräch zu führen.  

Wie alle Systeme ist auch unser Bildungssystem nicht perfekt. Wo sehen Sie die Probleme und was wäre eine Möglichkeit sie zu lösen?

Das wichtigste ist doch, dass die Kinder und Jugendlichen die Neugier am Lernen nicht verlernen. Wenn man das behalten kann, wird auch die Frage der Prüfung relativ sekundär. Die kommenden 60 Jahre danach profitiert man danach. Wenn die Schule aber dazu beiträgt, dass die Kinder und Jugendlichen die Neugier verlieren, haben wir ein ernstes Problem. An den kleinsten Kindern, bevor sie noch in den Kindergarten kommen, sieht man ja wie groß die Wissbegierde ist. Die lernen durch beobachten, sie wollen gehen lernen, sprechen lernen, lernen so viel und so oft es geht. Meine persönliche Schulerfahrung damals war eher so: Hier ist der Stoff, du wirst dann in einer Woche geprüft. Hast du gelernt, bist du gut, wenn nicht, bist du schlecht. Das kann nicht der alleinige Zweck der Schule sein. 

Und wie könnte man das ändern? Weg vom Frontalunterricht zum Beispiel? 

Ja sicher mehr weg vom Frontalunterricht. Das gemeinsame Lernen unterstützen, von Schülern und Schülerinnen, weil später werden sie im Beruf, in jeder Organisation oder im Unternehmen mit Teamarbeit konfrontiert sein. Schon auch mit Einzelarbeit, aber eben mehr mit Teamarbeit und das kann man auch üben. Und das haben schon viele kritisiert, ich hoffe es wird jetzt schrittweise besser, das alte Schulsystem hat sich zu sehr auf die Schwächen der Schüler konzentriert, als auf die Stärken einzugehen. Wenn ich jetzt schwach bin in Mathematik, werde ich gedrillt in Mathematik bis zum Umfallen zu lernen. Dabei wird nicht registriert, dass ich vielleicht in Sprachen oder Sport meine Fähigkeiten habe. Das Schlimmste ist, wenn die Kinder mit 15 ihr Selbstbewusstsein verloren haben und sich nichts mehr trauen. 

Politische Bildung in den Unterricht zu bringen ist uns als LSV ein großes Anliegen. Wie sehen Sie das?

Politische Bildung gehört auf jeden Fall in die Schule. Die Frage ist mit welcher Art von Didaktik wecken wir das Interesse? Sozusagen die Institution der Lehre allein wird viele langweilen. Ich denke aber wenn man es schaffen würde zu bestimmten historischen oder aktuellen Fragen Diskussionen zu organisieren, wo eine Gruppe die Pro-Argumente und die Andere die Kontra-Argumente entwickelt, mit dem Nebeneffekt, dass man lernt sich hineinzuversetzen in eine Position die man im Vorhinein nicht hatte und dadurch den Gegner besser versteht, wäre das ein Fortschritt. 

Wo sehen Sie unser Bildungssystem in 20 Jahren?

Naja. Einmal hoffe ich, dass die Stärken gefördert werden. Der Arbeitsmarkt verändert sich deutlich, die Ansprüche werden höher. Die Frage ist wie das Schulsystem darauf rechtzeitig reagiert. Selbst da finde ich, ist es das Wichtigste die Neugier zu erhalten. Das Einstellen auf neue Herausforderungen zu erhalten sowie auch das Selbstbewusstsein. Wenn etwas schief geht, dann probiere ich eben was anderes. Also in 20 Jahren haben wir hoffentlich auch die Integrationsaufgabe bewältigt. Wir haben ja jetzt jede Menge Kinder und Jugendliche mit nichtdeutscher Muttersprache, die zugewandert sind. Neu ist die Aufgabe nicht, aber bewältigen sollten wir sie. Hier müssen wir auf jeden Fall aus der Vergangenheit lernen. 
 

Wenn Sie eine Sache an Österreichs Politikalltag ändern könnten, was wäre das?

Eine Sache wäre, was auch immer eine politische Partei oder Fraktion vorschlägt, die anderen suchen sofort die Kritikpunkte. Auf diese Art verlernt man das zuhören. Das führt bis hin zu absurden Sachen: Die einen bringen als Fraktion ein Antrag ein und er wird abgelehnt. Dann ein Jahr später bringt die Regierungspartei fast denselben nochmal ein und dann ist es ihrer. Also ich würde mir wünschen, dass man anderen Meinungen gegenüber offener ist und auch zustimmen kann und wenn sollte man sich zumindest im Klaren sein warum nicht. Ist man sich vielleicht im Ziel einig und streitet man sich über die Maßnahmen oder teilen wir das Ziel nicht und automatisch die Maßnahmen auch nicht. 

Würde es da was helfen, wenn man versucht diesen Klubzwang in Österreich versucht zu lockern oder aufzuheben? 

Es gibt keinen Klubzwang, früher schon aber heute nicht mehr. 

Offiziell natürlich nicht aber inoffiziell gibt es das ja immer noch. 

Ja schon. Aber man muss sich fragen warum. Warum gibt es das? Wenn eine Fraktion im Parlament oder im Rathaus zu 2/3 so abstimmt und 1/3 anders und das wird berichtet, fragt sich der Wähler vor Wahlen natürlich, für was stehen die jetzt eigentlich. Berichtet wird, diese Fraktion ist zerstritten. Das bleibt dann in der öffentlichen Wahrnehmung über. Deshalb entsteht ein sehr psychologischer und politischer Druck einheitlich abzustimmen, selbst wenn die Meinungen auseinander gehen, in einer parlamentarischen Fraktion. Anders ist es im europäischen Parlament, wo die Bindung nicht so stark ist, wo die Nationalität von größerer Bedeutung ist. 

Im Wahlkampf konzentriert man sich naheliegender Weise eher auf die Schwächen seines Konkurrenten. Aber können sie uns eine Sache sagen die Sie an Herr Hofer schätzen?

Die Schwierigkeit ist, ich kenne ihn nicht. Wir sind uns erst jetzt begegnet. Dementsprechend kann ich darauf nicht wirklich antworten.

Und zu guter Letzt noch ein Klassiker: Welche 3 Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? 

Meine Frau, Werkzeug und ein paar gute Bücher. 

Danke, dass sie sich Zeit genommen haben für dieses Interview. 

 

 
 

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